Eine verschollen geglaubte Iphigenie-Übersetzung wurde nach 200 Jahren in Goethes eigener Bibliothek entdeckt. Die in Weimar lebende Kunsthistorikerin Francesca Fabbri identifiziert in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek eine italienische Handschrift von Goethes Schauspiel »Iphigenie auf Tauris« als lang gesuchte Übersetzung des Dichters Alessandro Poerio – ein Geschenk an Goethe aus dem Jahr 1826. Der Fund liefert neue Erkenntnisse zu den deutsch-italienischen Beziehungen der Weimarer Klassik.
Eine verschollen geglaubte Iphigenie-Übersetzung wurde nach 200 Jahren in Goethes eigener Bibliothek entdeckt. Die in Weimar lebende Kunsthistorikerin Francesca Fabbri identifiziert in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek eine italienische Handschrift von Goethes Schauspiel »Iphigenie auf Tauris« als lang gesuchte Übersetzung des Dichters Alessandro Poerio – ein Geschenk an Goethe aus dem Jahr 1826. Der Fund liefert neue Erkenntnisse zu den deutsch-italienischen Beziehungen der Weimarer Klassik.
Die anonym verfasste Handschrift trägt den Titel »Ifigenia in Tauride: Tragedia di Göthe recata in Italiano«. Sie ist im Online-Katalog der Herzogin Anna Amalia Bibliothek unter der Signatur »Ruppert 1852« verzeichnet. Dank eines Wasserzeichens auf einem der Blätter ließ sich die Entstehungszeit der Übersetzung auf etwa 1825 datieren – ihr Urheber jedoch blieb unbekannt. Francesca Fabbri, die in Italien promovierte, fand nun heraus: Übersetzer und Schreiber war der neapolitanische Dichter Alessandro Poerio (1802–1848), der sich 1825 und 1826 in Weimar aufhielt und dort im Salon von Ottilie von Goethe verkehrte.
Verehrung für den Dichterfürsten
Aus Verehrung für den Dichterfürsten übertrug Poerio zwei Werke Goethes ins Italienische: die Ballade »Die Braut von Korinth« (»La sposa di Corinto«) und das Schauspiel »Iphigenie auf Tauris«. Beide Übersetzungen schenkte er Goethe persönlich, der davon begeistert gewesen sein soll. Während »La sposa di Corinto« Jahre später in der Zeitschrift »Chaos« veröffentlicht wurde, verlor sich von der Iphigenie-Übersetzung jede Spur – Generationen von Forschern, darunter der bedeutende italienische Philosoph und Poerio-Biograf Benedetto Croce, mussten sie als verschollen einstufen.
Den entscheidenden Anstoß zur Identifizierung der Iphigenie-Handschrift in Weimar lieferte Reinhold Köhler, der seit 1856 als Bibliothekar und seit 1881 als Direktor an der Großherzoglichen Bibliothek (heute Herzogin Anna Amalia Bibliothek) tätig war. Dank seiner Freundschaft mit Poerios Neffen Vittorio Imbriani veröffentlichte Köhler 1882 eine bis heute grundlegende Studie zu Poerios Weimar-Aufenthalt und seiner Beziehung zu Goethe. Francesca Fabbri nahm diesen Faden auf und konnte die anonym verfasste Handschrift in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek eindeutig Poerio zuordnen.
Weiterer Fund
Parallel zu ihren Weimarer Recherchen gelang Fabbri ein weiterer Fund: Das Autograph von »La sposa di Corinto« entdeckte sie in den Papieren Ottilie von Goethes in der Newberry Library in Chicago. Damit lassen sich beide Übersetzungen, die Poerio Goethe einst schenkte, nun erstmals wieder vollständig nachweisen und wissenschaftlich zusammenführen.
Alessandro Poerio gilt als bedeutender Dichter der italienischen Romantik. Zugleich war er ein überzeugter Patriot des Risorgimento: Er kämpfte bereits 1820/21 gegen österreichische Truppen, ging mehrfach ins Exil und schloss sich 1848 als Freiwilliger der Verteidigung Venedigs gegen Österreich an. Damit steht sein Leben auch für die Anfänge der italienischen Nationalbewegung – ein Aspekt, der den jetzigen Fund über die Literaturgeschichte hinaus interessant macht.
Gezielt erforscht, erschlossen, digitalisiert und konservatorisch gesichert
Die Goethe-Bibliothek wurde im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts in der Herzogin Anna Amalia Bibliothek von 2014 bis 2024 gezielt erforscht, erschlossen, digitalisiert und konservatorisch gesichert. Rund 2.500 Bücher, Karten, Handschriften und Zeitschriftenbände der Sammlung sind weltweit zugänglich. Fortlaufend kommen neue Titel hinzu, wie auch die kürzlich entdeckte Übersetzung. Die Poerio-Handschrift wird zudem als Leihgabe der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in der Ausstellung »Et in Arcadia ego. Goethe im Dialog mit Guercino, Raffael und Poerio« in der Casa di Goethe in Rom zu sehen sein, die vom 1. Dezember 2026 bis 4. April 2027 läuft. Die wissenschaftliche Edition der Übersetzung erscheint im Herbst 2027 in der Reihe Materiali der Edizioni des Istituto Italiano di Studi Germanici.
PS-KSW
Zum Bild:
Francesca Fabbri mit der wiederentdeckten Handschrift von Goethes Schauspiel »Iphigenie auf Tauris« im Studienzentrum der Herzogin Anna Amalia Bibliothek.
Foto: Hannes Bertram/ Klassik Stiftung Weimar