Als ein regionaler Sender mit globalem Größenwahn wurde salve.tv einmal in einem Internet-Blog verspottet. Als ob Regionalfernsehen ausschließlich dazu verdammt wäre, Straßensperrungen zu melden, über Verkehrsunfälle zu berichten, Heimatfeste zu begleiten oder bei jeder Grundsteinlegung die Kamera aufzubauen.
Als ein regionaler Sender mit globalem Größenwahn wurde salve.tv einmal in einem Internet-Blog verspottet. Als ob Regionalfernsehen ausschließlich dazu verdammt wäre, Straßensperrungen zu melden, über Verkehrsunfälle zu berichten, Heimatfeste zu begleiten oder bei jeder Grundsteinlegung die Kamera aufzubauen.
Dabei steckt in dieser höhnischen Bemerkung mehr Wahrheit, als ihr Verfasser vermutlich ahnte.
Denn tatsächlich interessiert sich salve.tv seit seiner Gründung für die Welt – und zwar aus der Perspektive einer Region. Erfurt, Weimar, Arnstadt oder das Weimarer Land sind keine Inseln. Was in Washington entschieden wird, verändert den Alltag in Thüringen. Was in Brüssel beschlossen wird, betrifft den Bauern vor den Toren von Liebstedt. Der Klimawandel entscheidet über Ernten im Thüringer Becken ebenso wie über Überschwemmungen in Bangladesch. Migration beginnt selten dort, wo sie sichtbar wird. Wirtschaft, Kultur, Technik, Religion und Geschichte kennen ohnehin keine Gemeindegrenzen.
Wer regionale Wirklichkeit ernst nimmt, muss deshalb immer auch das große Ganze im Blick behalten. Vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe eines regionalen Mediums.
Nah bei den Menschen zu sein bedeutet nicht, alles andere auszublenden. Im Gegenteil. Je genauer man hinsieht, desto deutlicher wird, wie eng selbst das kleinste Dorf mit den großen Fragen unserer Zeit verbunden ist. Jede Biografie erzählt von historischen Entwicklungen. Jede Straße führt irgendwann hinaus in die Welt. Und jede Weltgeschichte beginnt irgendwann vor einer Haustür.
Deshalb verstand sich salve.tv nie ausschließlich als Lokalfernsehen.
Freies Fernsehen bedeutete hier von Anfang an mehr als die Freiheit von wirtschaftlichen oder politischen Zwängen. Es bedeutete vor allem die Freiheit der Themen. Die Freiheit, ungewöhnliche Gesprächspartner einzuladen. Und inzwischen leider gar nicht mehr so selbstverständlich: unterschiedliche Meinungen auszuhalten. Wissenschaft neben Kultur zu stellen, Philosophie neben Unterhaltung, Geschichte neben aktueller Politik, Dokumentarfilm neben Talkformaten, junge Formate neben klassischen Fernsehsendungen.
Vielfalt war nie ein Programmslogan. Sie war immer Programm.
Wer heute durch die Programmvorschau von salve.tv scrollt oder in der Mediathek stöbert, begegnet dieser Vielfalt auf intensive Weise.
Da entdeckt Anja auf ihren Streifzügen über den Erfurter Anger Menschen, die man sonst vielleicht nie kennenlernen würde. Da diskutieren Dotterweich und Klaus im Nachtschoppen mit Witz und Ernst über Fußball, Politik oder gesellschaftliche Aufregungen unserer Zeit. Da geht es einmal jeden Monat »In 5 Fragen um die Welt«. Eisenbahnfreunde erzählen bei »Modell und Bahn« mit derselben Leidenschaft von Diesellokomotiven, mit der andere über Fußball oder Börsenkurse sprechen.
Seit kurzem unternimmt Judith Vester, die einstmals diesen Sender ins Leben rief, in ihrem »Weltkanal« filmische Reisen zu Menschen, Orten und Augenblicken, in denen etwas Wesentliches sichtbar wird.
Und wenn Justin alias PeakyJay nachts durch Erfurt zieht, entstehen Gespräche, die weit über das ursprünglich geplante Thema hinausreichen. Als der »Erfurt bei Nacht«-Interviewer zum Beispiel in Erfahrung bringen wollte, ob die Leute heute noch ins Kino gehen oder lieber zu Hause auf dem Sofa dem Streaming verfallen, kam es anders: Erst musste der Mann mit dem Mikrofon den Notarzt für einen Hilfebedürftigen rufen und kam dann im Laufe seines Streifzuges zu später Stunde durch die Landeshauptstadt mit einem Wohnungslosen ins Gespräch. Plötzlich geht es um Einsamkeit, Obdachlosigkeit, soziale Sicherheit oder die Frage, wie Menschen heute eigentlich leben wollen.
Das sind keine großen Schlagzeilen.
Aber oft sind es die wirklich großen Geschichten.
Denn das Eigentliche verbirgt sich selten dort, wo alle Kameras bereits aufgebaut sind.
Diese Überzeugung führt salve.tv nun zu einem Projekt, das auf den ersten Blick ungewöhnlich schlicht erscheint: »Das Dorf. Die Burg. Die Welt. – Menschen und Geschichten aus Liebstedt.«
Mehrere Monate lang soll das Dorf Liebstedt journalistisch begleitet werden. Nicht als romantische Heimatkulisse. Nicht als nostalgischer Rückzugsort. Sondern als lebendiger Mikrokosmos unserer Gesellschaft.
Die Fragen sind dieselben wie überall: Wie verändert sich das Leben auf dem Land? Was hält Gemeinschaft zusammen? Wie funktioniert Demokratie im Alltag? Was leisten Ehrenamtliche? Welche Perspektiven haben junge Menschen? Welche Rolle spielen Landwirtschaft, Vereine, Kultur und lokale Wirtschaft? Wie verändert sich das Zusammenleben zwischen den Generationen? Und wie gelingt Zukunft dort, wo die Schlagzeilen nur selten hinschauen?
Liebstedt steht dabei stellvertretend für viele Orte in Thüringen.
Gerade weil das Dorf klein ist, lassen sich Entwicklungen erkennen, die andernorts leicht übersehen werden. Gesellschaftlicher Wandel zeigt sich hier nicht abstrakt, sondern in Gesichtern, Gesprächen und Entscheidungen. Die Ordensburg Liebstedt wird dabei mehr als ein historisches Bauwerk. Sie wird zum Symbol dafür, dass Geschichte niemals abgeschlossen ist, sondern immer wieder neu von den Menschen geschrieben wird, die an einem Ort leben.
Vielleicht beginnt Weltverständnis genau hier. Nicht in der Entfernung, sondern in der Nähe. Nicht in der Abstraktion, sondern im konkreten Leben einzelner Menschen.
Wer verstehen will, warum Demokratien funktionieren oder scheitern, muss nicht zuerst nach Washington oder Berlin reisen. Manchmal genügt ein Vereinsheim. Ein Dorffest. Eine Gemeinderatssitzung. Oder ein Gespräch auf einer Burg, die seit Jahrhunderten Menschen kommen und gehen sieht. Und in die derzeit salve.tv Einzug gehalten hat.
Regionalität ist deshalb keine Verkleinerung des Blicks. Sie ist seine Schärfung. Und vielleicht besteht gerade darin die eigentliche Zukunft des Regionalfernsehens: nicht möglichst klein zu denken, sondern möglichst genau hinzusehen.
Während viele Medien versuchen, überall zugleich zu sein, wagt salve.tv das Gegenteil. Der Sender bleibt an einem Ort und entdeckt von dort aus die Welt.
Dass sich dieses Verständnis auch in neuen Programmideen widerspiegelt, zeigt ein weiteres Projekt, das auf den ersten Blick kaum zu einem Thüringer Regionalsender passen mag. »Mit dem Kuckucks Kosmos Kanal« erweiterte salve.tv sein Spektrum um eine filmische Welt zwischen Mythologie, Philosophie, Popkultur und künstlicher Intelligenz. Autor, Regisseur und Produzent Michael Pakleppa erschafft darin außergewöhnliche Bildwelten zwischen Traum und Wirklichkeit. Seine Filme überschreiten mühelos die Grenzen klassischer Genres und zeigen, dass Kreativität heute längst nicht mehr an Studios oder Metropolen gebunden ist.
Pakleppa, 1950 in Heidelberg geboren und seit vielen Jahren in London zu Hause, hat inzwischen angekündigt, dem Team von salve.tv auf der Ordensburg Liebstedt unbedingt einmal einen Besuch abstatten zu wollen. Burgen haben ihn seit jeher fasziniert. So entstand fast zwangsläufig die Idee, dass der Filmemacher, der seine fantasievollen Werke mit den Möglichkeiten künstlicher Intelligenz erschafft, eines Tages vielleicht auch einen Film über die Ordensburg Liebstedt umsetzen könnte.
Eine mittelalterliche Burg. Ein kleines Dorf im Herzen Thüringens. Ein Künstler aus London. Moderne künstliche Intelligenz.
Größer könnte der Bogen kaum sein. Und doch gehört alles zusammen. Die Welt. Die Burg. Das Dorf.
Vielleicht war der Vorwurf vom »regionalen Sender mit globalem Größenwahn« also nie eine Beleidigung. Vielleicht war er das schönste Kompliment, das man diesem Regionalsender machen konnte.
Jörg Schuster
Zum Bild:
Screenshot aus dem bei salve.tv im Kuckucks Kosmos Kanal abrufbaren Film »Verbotene Zone« von Michael Pakleppa.